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Kleine und große Katastrophen? Umweltrisiken in den Steinzeiten Europas

Thorsten Uthmeier1
1 Institut für Ur- und Frühgeschichte, FAU Erlangen-Nürnberg

Abendvortrag in Öffentliche Vorträge

17.09.2012, 19:00-20:00, H8

Ganz allgemein versteht man unter Risiko die Einschätzung, mit der bestimmte Ereignisse und deren negative Folgen eintreten. Auch wenn Kalkulationen des Risikos, etwa im Zusammenhang mit Rangkämpfen, aus der Tierwelt bekannt sind, ist das Abwägen von Wahrscheinlichkeiten entlang längerer Zeitachsen ein Merkmal, welches die Gattung Homo von anderen Arten abgrenzt. Dies gilt insbesondere für die Bewertung von Umweltrisiken: mit welcher Häufigkeit und Heftigkeit Vulkanausbrüche oder Erdbeben eintreten oder welche Folgen Änderungen des Klimas haben, lässt sich nur durch die Weitergabe von Daten innerhalb und zwischen Gruppen über längere Zeiträume vorhersagen. Dabei ist es nicht zwingend notwendig, dass Ursache und Wirkung verstanden werden. Entscheidend sind die Exaktheit der Beschreibung und die langfristige Verankerung im kollektiven Gedächtnis.


Bereits hier bestehen deutliche Unterschiede sowohl innerhalb als auch zwischen prähistorischen und gegenwärtigen Gesellschaften. Die Wahrnehmung von Umweltrisiken in westlichen Industrieländern ist zum einen geprägt durch eine globalisierte Medienwelt, in der nahezu täglich über Vulkanausbrüche, Tsunamis, Klimatrends u. ä. berichtet wird, und zum anderen durch den Eindruck, dass derartige Ereignisse eine zum Teil ohnehin schwierige ökologische und demographische Lage zuspitzen. Grundlage sind die weltweite Erfassung und Speicherung von rezenten Umweltdaten, die Auswertung von Proxies aus fossilen Eis-, See- und Meeresablagerungen sowie die daraus erstellten Modellierungen und Prognosen vergangener und zukünftiger Ereignisse. Deutlich zurückgetreten sind subjektive, von Person zu Person weiter vermittelte Erfahrungen.

Die schriftlosen Gesellschaften der Steinzeiten Europas sind dagegen nahezu ausschließlich auf mündliche Überlieferungen angewiesen. Die ab den späten Jäger- und Sammlergruppen des ausgehenden Eiszeitalters gut belegten Felsbilder und Kleinkunstobjekte bilden lediglich den ikonographischen Hintergrund der Erzählungen, in denen die Verfügbarkeit von Nahrungsressourcen eine wichtige Rolle gespielt haben dürfte. Die Exaktheit der Beschreibung der so tradierten Umweltrisiken ist dabei ebenso schwierig zu bewerten wie Kenntnisse über ihre zeitlichen Abstände. Auffällig ist jedoch, dass in diese Zeit die ersten überlieferten Zählvorgänge auf haltbarem Material wie Knochen oder Elfenbein fallen. Ein empirisches Beobachten von Umweltphänomenen kann für die frühen sesshaften Ackerbauern wahrscheinlich gemacht werden, die ab dem 7. Jahrtausend in Europa Fuß fassen. Durchlässe in mittelneolithischen Kreisanlagen aus hölzernen Pfosten oder Steinpfeilern markieren Punkte im Jahreslauf der Sonne, die für die Festlegung von Arbeiten des bäuerlichen Jahres von zentraler Bedeutung sind.

Mit der Wirtschaftsweise ist ein zweiter Aspekt für die Bewertung negativer Ereignisse in der Wechselbeziehung zwischen Mensch und Umwelt genannt. In den Steinzeiten kann zwischen einer aneignenden und einer produzierenden Lebensweise unterschieden werden, je nachdem ob Nahrungsressourcen aus einem natürlichen Kontext abgegriffen oder unter Investition von Arbeit kontrolliert erzeugt werden. Jäger und Sammler verfolgen Strategien der aneignenden Wirtschaftsweise und leben überwiegend weit verstreut in kleinen, je nach Umwelt mehr oder weniger eng miteinander kooperierenden Gruppen. Bei einer Verschlechterung der Umweltbedingungen ermöglicht ihre mobile Lebensweise grundsätzlich ein Ausweichen in andere Schweifgebiete. Grenzen sind hier maximale Verlagerungsdistanzen, innerhalb derer möglicherweise bessere oder unveränderte Gebiete nicht erreicht werden können, sowie die Bandbreite der als ess- bzw. verwertbar bekannten Ressourcen. Die Fähigkeit, langfristig in allen Klimazonen zu überleben, hat sich erst vergleichsweise spät im Laufe der Menschheitsentwicklung eingestellt. Sieht man von Pastoralnomaden und Wanderbauern ab, so sind sesshafte Ackerbauern und Viehzüchter an Haus und Wirtschaftsareal gebunden. Aufgrund knapper Ressourcen und höherer demographischer Dichten ist die Bereitschaft zu kooperieren geringer und die Gruppen sind daher den Folgen selbst kurzfristiger Schwankungen wie Dürren unmittelbarer ausgesetzt.

Ingesamt sind die Auswirkungen von Umweltveränderungen auf das Leben der Menschen – seien sie nun vorhersagbar oder nicht – eng verbunden mit ihrer Skalierung. Neben plötzlich auftretenden regionalen Phänomenen wie Vulkanausbrüchen oder Erdbeben sind kürzere (Stadiale, Interstadiale, Events) und längerfristige globale Klimaschwankungen (Kalt- und Warmzeiten) im fossilen bis sub-rezenten Datensatz zahlreich nachgewiesen. Der Vortrag versucht, vor dem Hintergrund deutlich verschiedener kultureller Rahmenbedingungen die Wechselbeziehung zwischen geoarchäologisch nachgewiesenen Umweltveränderungen, den Möglichkeiten ihrer Bewertung und den daraus abgeleiteten Handlungsfolgen innerhalb der Steinzeiten Europas zu beleuchten.



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Letzte Änderung 27.08.2012