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Korrelation von Schichtenfolgen aus den Eembecken Neumark-Nord 1 und 2 (Geiseltal)

Stefan Wansa1, Jaqueline Strahl2, Ivo Rappsilber1
1 LAGB Sachsen-Anhalt
2 LBGR Brandenburg

P 1.9 in Fortschritte der Quartärstratigraphie

Das interglaziale Seebecken Neumark-Nord 1 (NN1) im östlichen Geiseltal ist nach seiner Entdeckung im Jahre 1985 durch M. Thomae von einer interdisziplinären Arbeitsgruppe unter Leitung von D. Mania intensiv untersucht worden. Aufgrund verschiedener Indizien sollten die Sedimente in diesem Becken prä-eemzeitlichen Alters sein (Mania 1990). Etwa 200 m nordöstlich von NN1 fand D. Mania Mitte der 1990er Jahre das deutlich kleinere Interglazialbecken Neumark-Nord 2 (NN2). Für dieses Becken haben Laurat et al. (2006) und Mania et al. (2008, 2010) ein mehrgliedriges klimatostratigraphisches Profil mit zwei weiteren Warmzeiten ausgewiesen, von denen die jüngere der Eem-Warmzeit entsprechen soll. Da nach den Aufschlussaufnahmen von D. Mania die Beckensedimente von NN2 über die hangenden periglaziären Bildungen von NN1 hinweggreifen sollen, würden somit in Neumark-Nord zwischen dem Saale-Hochglazial und der Weichsel-Kaltzeit limnische Sedimente aus drei Warmzeiten überliefert sein.

 

Nachdem bereits Litt (1994) die Argumentation von Mania entkräftet und NN1 mit der Eem-Warmzeit korreliert hatte, zeigten Strahl et al. (2010) durch lithologische, paläontologische und chronometrische Untersuchungen, dass die warmzeitlichen Bildungen im Becken NN2 ebenfalls in das Eem zu stellen sind. Die Grundzüge der eemzeitlichen Waldsukzession, und zwar die zeitlich versetzte Einwanderung von Birke – Kiefer – Ulme – Eiche – Hasel – Erle – Eibe – Linde – Hainbuche – Fichte – Tanne und erneut Kiefer und/oder Birke sind in beiden Becken deutlich erkennbar. Des Weiteren umfasst die bis dahin pollenstratigraphisch nicht unterlegte (!) mittlere der drei von D. Mania postulierten Warmzeiten tatsächlich die Ablagerungen des Saale-Spätglazials und nicht einer weiteren Warmzeit. NN1 und NN2 weisen somit eine quasi kontinuierlich zu verfolgende Vegetationsentwicklung vom Saale-Spätglazial bis in die ausgehende Eem-Warmzeit auf. Die Palynostratigraphie bildet dabei eine solide Basis für die Korrelation der Schichtenfolgen, die u. a. differenziertere Aussagen zu den Sedimentationsprozessen und zur zeitlichen Relation der archäologischen Fundhorizonte ermöglichen soll.

 

Der Aufbau und die Lagerungsverhältnisse der quartären Schichtenfolgen von Neumark-Nord sind in entscheidendem Maße durch Lagerungsdeformationen der Braunkohle geprägt, die als durch autoplastisch-gravitative Ausgleichsbewegungen entstandene Braunkohlendiapire interpretiert werden (Thomae 1990). Beide Becken befinden sich im Hangenden der Ersten Saale-Grundmoräne (Drenthe-Stadium, Zeitz-Phase).

 

Nach den z. T. stärker differierenden Akkumulationsraten der einzelnen Profilabschnitte (Pollenzonen) ist von wechselnden Sedimentationsbedingungen sowohl innerhalb des Beckens NN1 als auch im Vergleich zwischen beiden Becken auszugehen. Dafür kommen mehrere Ursachen in Betracht, insbesondere die unterschiedliche Intensität synsedimentärer Umlagerungen in den untersuchten Beckenteilen. Größerer Einfluss kann auch der Dimension der Becken zugeschrieben werden. In dem weitaus kleineren Becken NN2 dürften die örtlich sehr steilen Flanken die laterale Materialzufuhr zumindest im tieferen, spätsaalezeitlichen Profilteil begünstigt haben.

 

Dennoch weist die stoffliche Zusammensetzung der Seebeckenfüllungen deutliche Analogien auf. So sind die in NN2 durch mächtige kalkige Seeschluffe geprägten Abschnitte der PZ 4 und 5 sensu Erd (1973) in NN1 ebenfalls durch feinkörnige klastisch dominierte Ablagerungen repräsentiert. Kalk- und Organomudden treten in NN1 verstärkt ab PZ 6 auf, in NN2 erst ab PZ 7, wobei hier infolge der bereits weit fortgeschrittenen Verfüllung der Hohlform nur geringe Sedimentmächtigkeiten aus dem späten Teil des Eems überliefert sind. Die Frühphase des Eems, aus der in NN1 ebenfalls Sedimente mit etwas höheren Anteilen an organischer Substanz beschrieben wurden (Schluffmudde), ist in NN2 dagegen kaum entwickelt.

 

Aus archäologischer Sicht nehmen die PZ 4 sowie der Übergangsbereich der PZ (4)/5 eine Schlüsselstellung ein. Im Hauptprofil A von NN2 ist dieser ca. 1,2 m mächtige Profilabschnitt lithologisch sehr heterogen aufgebaut und durch auffällige synsedimentäre Lagerungsstörungen (Fließgefüge) gekennzeichnet. Er entspricht im Wesentlichen dem archäologischen Hauptfundhorizont NN2/2 nach Laurat & Brühl (2006) und Laurat et al. (2006), wobei sich die Funde vor allem auf den unteren Teil des Profilabschnitts konzentrieren. In annähernd dem gleichen pollenstratigraphischen Niveau befindet sich auch der mittelpaläolithische Hauptfundhorizont von NN1.

 

Literatur

 

Erd, K. (1973): Pollenanalytische Gliederung des Pleistozäns der Deutschen Demokratischen Republik. – Zeitschrift für geologische Wissenschaften, 1: 1087–1103.

Laurat, T. & Brühl, E. (2006): Zum Stand der archäologischen Untersuchungen im Tagebau Neumark Nord, Ldkr. Merseburg-Querfurt (Sachsen-Anhalt). Vorbericht zu den Ausgrabungen 2003–2005. – Jahresschriften für mitteldeutsche Vorgeschichte, 90: 9–69.

Laurat, T., Brühl, E. & Jurkėnas, D. (2006): Halt 2–6: Quartärgeologie und Archäologie im Tagebau Neumark-Nord. – 73. Tagung der AG Norddeutscher Geologen, Juni 2006, Halle, Tagungsband und Exkursionsführer: 81–91; Halle.

Litt, T. (1994): Paläoökologie, Paläobotanik und Stratigraphie des Jungquartärs im nordmitteleuropäischen Tiefland. – Dissertationes Botanicae, 227: 185 S.

Mania, D. (1990): Stratigraphie, Ökologie und mittelpaläolithische Jagdbefunde des Interglazials von Neumark-Nord (Geiseltal). - Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, 43: 9–130.

Mania, D. unter Mitarb. von Altermann, M., Böhme, G., Böttger, T., Brühl, E., Döhle, H.-J., Erd, K., Fischer, K., Fuhrmann, R., Heinrich, W.-D., Grube, R., Karelin, P. G., Koller, J., Kremenetski, K. V., Laurat, T., Van der Made, J., Mai, D. H. Mania, U., Musil, R., Pfeiffer-Deml, T., Pietrzeniuk, E., Schüler, T., Seifert-Eulen, M. & Thomae, M. (2010a): Quartärforschung im Tagebau Neumark-Nord, Geiseltal (Sachsen-Anhalt und ihre bisherigen Ergebnisse. – Veröffentlichungen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt – Landesmuseum für Vorgeschichte, 62: 11–69.

Mania, D. & Thomae, M. unter Mitarb. von Altermann, M., Heinrich, W.-D., Van der Made, J., Mai, D. H. & Seifert-Eulen, M. (2008): Zur stratigraphischen Gliederung der Saalezeit im Saalegebiet und Harzvorland. – Praehistoria Thuringica, Sonderheft: 1–44.

Strahl, J., Krbetschek, M. R., Luckert, J., Machalett, B., Meng, S., Oches, E. A., Rappsilber, I., Wansa, S. & Zöller, L. (2010): Geologie, Paläontologie und Geochronologie des Eem-Beckens Neumark-Nord 2 und Vergleich mit dem Becken Neumark-Nord 1 (Geiseltal, Sachsen-Anhalt). – Eiszeitalter und Gegenwart (Quaternary Science Journal), 59 (1/2): 120–167.

Thomae, M. (1990): Geologischer Bau und Lagerungsverhältnisse des Quartärprofils von Neumark-Nord. – Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, 43: 131–143.

Letzte Änderung 27.07.2012