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Wilde, M; Stumpf, A; Scharfenberg, F-J; Klautke, S; Bogner, FX: Schülerverhalten bei konstruktivistisch orientierten und bei instruktionsbestimmten Lernangeboten - eine kategorienbasierte Videoanalyse von Biologieunterricht im Naturkundemuseum, Tagungsband: Bildungsstandards Biologie, Tagung der Sektion Biologiedidaktik im VDBiol, 123-126 (2005)
Abstract:
Einleitung Reinformen konstruktivistischer Lerntheorien lösten in den vergangenen Jahren heftige Diskussionen aus (vgl. Glaserfeld 1998 und Suchting 1998). Tobin (1993) sprach sogar von einem „paradigm war“, Fischler (1999) von einem „Glaubenskampf“. Insbesondere die dichotome Positionierung in Lerntheorien der Konstruktion oder der Instruktion wurden kritisiert (Hoops 1998). Reinmann-Rothmeier & Mandl (2001) sehen dagegen beide Theorien weniger im Konflikt und streben in der Konsequenz daraus eine Balance zwischen Instruktion und Konstruktion an. Im außerschulischen Lernort Naturkundemuseum führt tatsächlich ein mittlerer Weg zwischen konstruktivistisch orientiertem Lernen (unter besonderer Betonung der Selbstbestimmung der Lerner) und instruktional orientierter Wissensvermittlung zu besonders guten kognitiven Lernergebnissen (Wilde & Klautke 2003, vgl. Wilde, Urhahne & Klautke 2003): 366 Gymnasiasten der fünften Jahrgangsstufe (durchschnittliches Alter 10,8 Jahre) wurden drei unterschiedlichen Treatments ausgesetzt, einem konstruktivistisch orientierten (K), einem instruktional orientierten (I) und einer Mischform zwischen Instruktion und Konstruktion (IK). In einem Pre-Post-Test-Design mit Follow-up-Test nach 40 Tagen wurde die kognitive Retentionsleistung der Schüler durch Fragebögen, bestehend aus Items mit und ohne Antwortvorgaben ermittelt. Während die geschlossenen Antwortformate klare Lernvorteile für die IK-Schüler ergeben, erlauben die offenen Formate den K-Schülern besser, ihre kognitiven Fortschritte zu zeigen. Sie schneiden - zumindest im Post-Test direkt nach dem Museumsbesuch - besser ab als die übrigen Schüler. Die Fragebögen erlauben Bewertungen des Zustandes der Probanden vor und nach den Treatments, beantworten dagegen nicht das Zustandekommen dieser Lernergebnisse. Als erster Schritt, den Prozess, der zu dem gemessenen Zustand führt, aufzudecken, wird mittels einer Videoanalyse das Verhalten dieser konstuktivistisch orientiert (K-Schüler), instruktional orientiert (I-Schüler) oder durch die Mischform (IK-Schüler) behandelten Schüler aufgezeichnet und analysiert. Methodik Die Videoanalyse wurde in einer Teilpopulation (drei Schulklassen, N=84) für einen der im Museumsunterricht verwendeten Schaukästen durchgeführt. Die Bearbeitungszeit für diese spezielle Station betrug zehn Minuten. Der Titel des Schaukastens lautet „Wie viel Platz für Tiere“: Dargestellt ist der Zusammenhang zwischen Körpergröße (bzw. -gewicht) und benötigter Reviergröße bei Vögeln (vgl. Peters 1983). Kleingruppen von drei oder vier Schülern, die jeweils zehn Minuten diesen kleinen Ausschnitt des gesamten Museumsbesuchs bearbeiteten, wurden aus zwei Perspektiven gefilmt. Diese Aufnahmen wurden digitalisiert und mit der Software Videograph (Rimmele 2004, vgl. von Aufschnaiter 2003) bearbeitet. Das Verhalten der Schüler wurde kategorisiert und quantitativ ausgewertet (Methode: continuous recording, focal sampling; vgl. Martin & Bateson 1986). Es wurden sekundengenaue Timebudgets (relative zeitliche Anteile der einzelnen Verhaltenskategorien am Gesamtverhalten) erstellt. Clusteranalysen ließen die Identifikation von Schülertypen zu. Ergebnisse und Interpretation Eine Analyse der Timebudgets lässt statistisch bedeutsame Unterschiede zwischen den drei Treatmentgruppen augenfällig werden. Während zwischen K- und IK-Schülern in entscheidenden Verhaltenskategorien wie „Betrachten“, „Schreiben hingewandt“, „Fremdbeschäftigung“ ähnliche Dauer gemessen wird, zeigen sich zu den I-Schülern signifikante Unterschiede („Betrachten“: Kruskal-Wallis-Test: p<0,001; Mann-Whitney-U-Test: p(K-IK)=0,688; p(K-I)<0,001; p(IK-I)<0,001. „Schreiben hingewandt“: Kruskal-Wallis-Test: p<0,01; Mann-Whitney-U-Test: p(K-IK)=0,078; p(K-I)<0,01; p(IK-I)<0,01. „Fremdbeschäftigung“: Kruskal-Wallis-Test: p<0,001; Mann-Whitney-U-Test: p(K-IK)=0,876; p(K-I)<0,001; p(IK-I)<0,001). Mittels Clusteranalysen lassen sich die Schüler in fünf Bearbeitungs-Typen einteilen. Die wichtigsten Typen kann man wie folgt den Treatments zuordnen: „Wenig-Betrachter / Viel-Fremdbeschäftigung“ (N=19) rekrutieren sich zu etwa zwei Dritteln aus I-Schülern. Mehr als die Hälfte der „Viel-Schreiber“ (N=39) sind K-Schüler. „Viel-Betrachter / Viel-Leser“ (N=19) sind zu etwa zwei Dritteln IK-Schüler. Den beiden übrigen Schülertypen gehören vier oder weniger Schüler an und werden darum hier vernachlässigt. Diese Ergebnisse gründen sich auf einen Teil (N=84) der Gesamtpopulation der Probanden (N=366) und auf den o. g. Schaukasten, damit auf eine der sechs Arbeitsstationen des gesamten Museumsbesuches. Bezieht man dennoch die Ergebnisse der Videostudie auf die Resultate der Fragebögen, die für alle Schüler und den gesamten Museumsbesuch gelten, so ergibt sich folgendes Bild: IK-Schüler schneiden in dem Fragebogenteil mit Antwortvorgaben besonders gut ab und dominieren den Typ der “Viel-Betrachter / Viel-Leser“. Sie setzen sich anscheinend in der Breite relativ intensiv mit den Museumsinhalten auseinander und können darum gezielte Aufgaben (Items mit Antwortvorgaben) besonders gut beantworten. K-Schüler schneiden beim Fragebogenteil ohne Antwortvorgaben gut ab und gehören v. a. zum Typ der „Viel-Schreiber“. Möglicherweise beschäftigen sie sich nur mit Teilen der Inhalte, bearbeiten diese jedoch sehr intensiv. Offene Aufgabenstellungen (Items ohne Antwortvorgaben), die ihnen inhaltliche Spielräume lassen, werden darum gut bearbeitet. I-Schüler sind in keinem der Fragebogenteile besonders gut und dominieren den Typ „Wenig-Betrachter / Viel-Fremdbeschäftigung“. Es ist zu vermuten, dass diese Schüler das geforderte Pensum „abarbeiten“, sich darüber hinaus jedoch nicht mit den Inhalten des Museums befassen. Dies würde das hohe Quantum „Fremdbeschäftigung“ und die weniger guten Leistungen in den beiden Fragebogenteilen erklären. Die Daten der Videoanalyse korrespondieren somit mit den Befunden der Fragebögen. Erste Erklärungsansätze zum Zustandekommen der Ergebnisse sind gefunden.

last modified 2006-05-24