Endlagerwissen, Endlagersuche, Endlagerforschung: wohltuende Entkopplung

Julia Ghergut1
1 Univ. Göttingen, Angewandte Geologie

P 4.4 in Endlager und Untertagedeponien

Am Stammtisch spottet man gern (Q: Wie lange dürfen wir Sr-Sorption am Kaolinit noch erforschen? A: Ein Vierteljahrhundert habt Ihr schon, 4 Jahre dürft Ihr noch, bis sich der Forschungsetat halbiert. Oder: Gut, dass nun Gott zuständig ist! Katholiken goutieren Salz, Protestanten rufen Ton). Aber die Sache hat einen guten Kern: Die Entkopplung zwischen Endlagersuche und -wissen erweist sich als fruchtbar für die Geowissenschaft. Denn Kriterien für die Besteignung eines Standorts wird die Wissenschaft nie liefern, sondern nur für Eignung schlechthin (Bestes bleibt Theologiesache). Dabei ist es keine triviale Aufgabe, mit Eignungskriterien jenes klare Bild zu zeichnen, das Teile der Öffentlichkeit und Behörden verlangen. Dass dies dennoch gelingen kann, zeigen woanders die Geodialogergebnisse [Sauter1, Joswig1], und im Endlagerfach selbst die vorliegenden Erkenntnisse über Salzformationen (wohl zum Unmut des Steuerzahlers: Was denn ist da noch zu forschen?). Tonstein ist allerdings ein komplexeres Objekt, da selbst als Strömungs-/Transportmedium, Ionen-/Klüfte-/Partikelfabrik wirksam, in nicht so wohlsortierten Raumzeitskalen. Was für Endlager im Salz die Salzplastizität tut, soll im Ton die Verheilung induzierter Klüfte leisten; ob überhaupt, wie gut, wie schnell ist in der Tat (mehr als bei Salzformationen) standortabhängig, und die maßgebenden Prozesse nicht so einfach vorhersagbar - Prozesse übrigens, für die bei anderen tonhaltigen Georeservoiraufgaben Prognosefähigkeit noch dringender benötigt wird, als zur Endlagerfindung.
Das Poster erinnert im historisch-unsystematischen Streifzug vier Meilensteine in Hydrometrie, -geologie, Geothermie [Behrens2, Kolditz3] einer nachhaltigen Befruchtung der Geowissenschaft durch die Endlagerforschung, und umreißt zwei weitere, die die Erforschung gekoppelter THMCB-Prozesse im Tonstein noch liefern kann. Das von T. Schäfer (2012) formulierte Programm signalisiert bereits in seinen übergeordneten Stichworten (anthropogen-induzierte Gradienten in geringpermeablem Gestein) einerseits den generischen Anspruch der geforderten Forschungsleistung, andererseits ihren speziellen Mehrwert für weitere Aufgaben bei Erschließung und Bewirtschaftung nicht-/fossiler Energieressourcen und tiefer Untergrundräume. Offene Flanke sind wiederum Standortcharakterisierung, Prozesslokalisieung und -monitoring, da das hydrogeologische Methodenarsenal (Hydraulik, Tracer) kaum im systemrelevanten Maßstab (bis Störungszone/Erdoberfläche) anwendbar, und für Ortungsaufgaben oder ein Realzeitmonitoring der Bildung/Alteration von Klüften ohnehin ungeeignet ist. Speziellen geophysikalischen Ansätzen [Joswig4,5] kommt somit eine vierfache Schlüsselrolle zu: bei Standortsuche, Prozessidentifikation u. -ortung, Systemmonitoring.

Simpelst-anmutende Prognoseaufgaben, etwa für uniforme Kluftverteilungen: immer noch nicht effizient gelöst, wenn Reaktivtransport ins Spiel kommt.
Simpelst-anmutende Prognoseaufgaben, etwa für uniforme Kluftverteilungen: immer noch nicht effizient gelöst, wenn Reaktivtransport ins Spiel kommt.



[1] SAUTER, M.; JOSWIG, M. (2012): Generische Charakterisierung und Modellierung; und weitere Beiträge. – In: Informations- und Dialogprozess über die Sicherheit und Umweltverträglichkeit der Frackingtechnologie für die Erdgasgewinnung.

[2] BEHRENS, H. (1983): Comparison of radioactive and non-radioactive tracers. – In: IAEA TEC-DOC-219: 173-185; Vienna.

[3] KOLDITZ, O. (1997): Strömung, Stoff- und Wärmetransport im Kluftgstein. – Gebr. Borntraeger; Berlin Stuttgart.

[4] JOSWIG, M. (1990): Pattern recognition for earthquake detection. – Bull. Seism. Soc. Am., 80: 170-186.

[5] JOSWIG, M. (2008): Nanoseismic monitoring fills the gap between microseismic networks and passive seismic. – First Break, 26: 117-124.