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AK 17: Quartiersforschung (DGfG-AK in Gründung)

Donnerstag, 04.10.2007: 09:00-13:00 Uhr, S 23, Geo

Olaf Schnur (Berlin)

Stadtquartiere, Wohnviertel, Kieze: Die Mesoebene der von Bewohnerinnen und Bewohnern als ihre lokale Verankerung in der (Groß)stadt empfundenen Areale hat in den letzten Jahren sowohl in der Wissenschaft als auch in der kommunalen Praxis eine zunehmende Bedeutung erlangt, so dass man bereits von einer eigenständigen "Quartiersforschung" und "Quartierspolitik" sprechen könnte. Neuere deutsche Stadtentwicklungsprogramme wie "soziale Stadt" oder "Stadtumbau Ost/West" weisen oft genau diesen örtlichen Fokus auf und gehen noch deutlich weiter, indem sie durch ihre räumlichen Entwicklungsbezüge dazu beitragen, die traditionellen sektoralen Verwaltungsstrukturen aufzubrechen und zu ver-räumlichen. Das Quartier wird damit zunehmend hoffähig in den Administrationen. Diese Entwicklungen sind nicht neu. Die Kommunen im europäischen Ausland, aber z.B. auch in den USA sind seit Jahren auf der Ebene der "quartiers" oder der "neighborhoods" von gebietsbezogenen Politikformen ("area based politics") geprägt. Die Maßstabsebene des Quartiers erscheint jedoch ebenso verlockend wie ambivalent: Sie wird durch Szenarien der raäumlichen Entankerung (Globalisierung, Deterritorialisierung, Entstehung handlungsgenerierter entkoppelter Milieus) durchaus in Frage gestellt. Durch die diskutable Existenz von Quartierseffekten sowie der oben genannten faktischen politischen Regionalisierung (Quartierspolitiken)gilt das Forschungsinteresse dennoch vielfach der Lokalität. Oft ist es notwendig, soziale Prozesse von der Quartiersebene aus zu rekonstruieren, um sich der Alltagswelt der Bewohner anzunähern. Das Quartier ist zumindest ein erster Zugang für viele Menschen zur (Gro)stadt und für den Forscher ein "Interface", durch das er zum handelnden und Raum prägenden Menschen vordringen kann. Die Maßstabsebene des Quartiers ist also lebensweltlich wie politisch relevant und bei kritischer Adaption auch empirisch-analytisch von Nutzen, ohne dass dabei zwangsläufig lokale Eingrenzungen, "Containerisierungen" und Simplifizierungen folgen müssen. Vielmehr stellt sich die Frage, für welche Themen die Maßstabsebene des Quartiers geeignet ist, und mit welchen Forschungsmethoden man am besten operieren sollte. Um sich dem Quartier wissenschaftlich anzunähern, sollen im zu gründenden AK deshalb die unterschiedlichsten Perspektiven eingenommen werden. Zum Beispiel sollen planungstheoretische Probleme erörtert werden (soziale Lebenswelten im Quartier vs. administrative Territorialität, lokale Partizipation, local citizenship, "Sozialraum"), sozialgeographische Themen (lokales Sozialkapital im Quartier, Quartierseffekte, Ausgestaltung des Programms "Soziale Stadt", Migration und Integration im Stadtteil, Armut und Exklusion, Kriminalität und Kriminalitätswahrnehmung, Image von "Problemkiezen" und öffentliche Diskurse), politisch-geographische Konstellationen (lokale urbane Regime), bevölkerungsgeographische Fragen (demographischer Wandel in unterschiedlich strukturierten Wohnquartieren), wirtschaftsgeographische Aspekte (wie z.B. lokale Ökonomie im Stadtteil, "ethnic business", Globalisierung "im Kiez", "Glokalisierung", quartiersbezogene Wohnungsmarktsegmente etc.) oder auch stadtökologische Fragestellungen (Funktion von Frei- und Grünflächen im Quartier, partizipative Aspekte).
Dabei sollen empirische und theoretische Betrachtungen gleichermaßen Berücksichtigung finden. Auch methodischen Diskussionen im Kontext der Quartiersforschung steht der zu gründende AK offen gegenüber.

Der AK will sich an alle richten, die sich in Forschung und/oder Praxis (Kommunen, Immobilienwirtschaft, Consulting ...) mit Quartiersthemen befassen, insbesondere auch an NachwuchswissenschaftlerInnen. Das "Quartier" ist ein Querschnittsthema, das in Wissenschaft und Praxis aus vielerlei Perspektiven betrachtet wird. Auch der Arbeitskreis soll sich als ein offenes, interdisziplinäres, kooperatives und integrierendes Forum für den fachlichen Austausch etablieren: Neben GeographInnen sind SozialwissenschaftlerInnen, StadtplanerInnen, ÖkonomInnen u.a. herzlich willkommen!

Call for Papers

Es sind vier Impulsreferate aus den beschriebenen Themenfeldern vorgesehen.Es ist beabsichtigt, diese Beiträge und diejenigen der ersten "regulären" Sitzung (Sommer 2008 in Berlin) in einer Publikation möglichst öffentlichkeitswirksam zusammenzufassen.
Eigene Themenvorschläge (mit Kurzexposés von etwa einer Seite ) für die Auftaktsitzung in Bayreuth richten Sie bitte bis spätestens 04. Mai 2007 an:


Dr. Olaf Schnur
Humboldt-Universität zu Berlin
Geographisches Institut Abteilung Bevölkerungs- und Sozialgeographie
Unter den Linden 6
10099 Berlin
E-Mail: olaf.schnur@geo.hu-berlin.de
Tel.: (030) 2093 6852
Fax: (030) 2093 6853



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