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LT BA.1: Territorialität und fragile Staatlichkeit

Mittwoch, 03.10.2007: 08:30-11:30 Uhr, H 14, NW I

Jürgen Oßenbrügge (Hamburg)
ossenbruegge@geowiss.uni-hamburg.de
Doris Wastl-Walter (Bern)
dwastl@giub.unibe.ch


Fragile Staatlichkeit ist aus Sicht der Geographie eine zentrale Problemstellung der politischen Organisation des Raumes. Verbunden sind damit solch grundlegende Fragen wie die Aufrechterhaltung und Durchsetzung institutioneller Rahmenbedingungen und des staatlichen Gewaltmonopols in rechtlich fixierten und anerkannten Territorien. In den letzten Jahren lassen sich erhebliche Verschiebungen in der Reichweite und der Gestaltungskraft staatlicher Maßnahmen feststellen, die auf Prozesse der Entstaatlichung, der Internationalisierung sowie auf Identitätsprobleme der nationalstaatlichen Ebene zurückzuführen sind. Sie weisen verschiedene destabilisierende Effekte auf, die sich im Zerfall von Staaten, in der Aushöhlung staatlicher Herrschaftsansprüche, in der Verlagerung staatlicher Kompetenzen oder in der deutlichen Artikulation regionalistischer Ansprüche ausdrücken. In diesem Zusammenhang bieten sich für die Leitthemensitzung bieten sich zwei Aspekte an:

1. Komplexität, Tiefgründigkeit und Konfliktcharakter der politisch-geographischen Umbruchprozesse werden besonders in der territorialen Evolution der Europäischen Union deutlich. Dieses betrifft zum einen die als "politics of scale" bezeichneten Maßstabsverschiebungen und -verschränkungen des politischen Handelns, die Übergänge vom territorial definierten Nationalstaat zu einer netzwerkförmigen Staatlichkeit anzeigen. Die EU "erfindet" territoriale Organisationsformen durch Abbau und Umdeutung von Grenzen im Inneren sowie dem Ausbau und der Ausweitung von Grenzen nach Außen. Zum anderen beinhaltet der Integrationsprozess zwar durch stabilisierende Wirkungen für neue Beitrittsländer, gleichzeitig scheint die Akzeptanz für diese neuen Formen staatlicher Re-Territorialisierung in der Bevölkerung zu schwinden. Damit steht die Zukunftsfähigkeit europäischer Staatlichkeit zur Debatte.

2. Die mit der europäischen Integration verbundene territoriale Reorganisation gehört zu den großen Stabilisierungserfolgen nach dem 2. Weltkrieg und sie wird daher häufig als mögliches Vorbild für die Regulierung von (Post-)Konfliktsituationen besonders in Afrika sowie Vorder- und Zentralasien angenommen. Fragile Staatlichkeit ist hier zugleich Ursache und Folge unzulänglicher Staatenbildung, die sowohl auf imperiale bzw. koloniale Deformationen, als auch auf rivalisierende Interessen und gewaltförmige politisch-militärische Praktiken mächtiger Einzelpersonen und Gruppen zurückzuführen ist. Entsprechend schwach sind demokratische und zivilgesellschaftliche Institutionen ausgebildet und das territoriale Gewaltmonopol ist prekär. Geopolitische Weltbilder gehen dementsprechend von Zonen der Unregierbarkeit aus, die einer dauerhaften internationalen Kontrolle zu unterwerfen sind. Damit stellt sich die Frage, welche Akteure durch welche Mittel eine Restabilisierung erreichen können, die jenseits neokolonialer Abhängigkeit Beiträge zum Wiederaufbau demokratischer Organisationsformen politischer Territorien leisten können.

08:30-08:35 UhrEinführung durch die Sitzungsleitung
08:35-09:00 UhrSusanne Heeg (Frankfurt/M.): EU als fragile Staatlichkeit? Unterschiedliche Blickwinkel auf die EU

Konjunkturen des Begriffs "politics of scale" zur Erklärung des europäischen Integrationsprozesses. ...mehr
09:00-09:25 UhrSteffen Niemann (Frankfurt/M.): Territorialität, räumliche Grenzen und ihre Bedeutung in der Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen

Beispiele für Reterritorialisierung in Form einer "Geomorphologisierung" am Beispiel der Ressource Wasser ...mehr
09:25-09:45 UhrDiskussion
09:45-10:10 UhrPause
10:10-10:35 UhrBenedikt Korf (Liverpool): Grenzenlose Grenzräume - staatenlose Territorien am Horn von Afrika?

Formen der Verankerung von Staatlichkeit in umkämpften Grenzräumen am Horn von Afrika? ...mehr
10:35-11:00 UhrConrad Schetter (Bonn): Die territoriale Herausforderung. Über das Denken in Territorien jenseits der physischen Kontrolle von Raum

Die Bedeutung von Raumwahrnehmungen zur Konstruktion territorialer Kategorien in Afghanistan. ...mehr
11:00-11:20 UhrDiskussion
11:20-11:25 UhrRésumé durch die Sitzungsleitung
11:25-11:30 UhrWechselzeit


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