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Stille Suburbanisierung: Siedlungsentwicklung im Biosphärenpark Wienerwald

Robert Musil und Peter Pindur (beide Wien)

Mittwoch, 03.10.2007: 08:35-09:00 Uhr

Problemstellung
Die Nutzung des Wienerwaldes ist durch Interessenskonflikte gekennzeichnet: Einerseits soll durch die Einrichtung eines Biosphärenparks das Potential dieser Natur- und Kulturlandschaft nachhaltig gesichert werden. Andererseits lassen die anhaltenden Suburbanisierungsprozesse im Wiener Umland darauf schließen, dass der Nutzungs- und Siedlungsdruck in diesem Raum aufgrund der Entwicklung postsuburbaner Strukturen vor allem im Wiener Becken (d. h. der Abkoppelung von der Kernstadt) steigen wird. Während der "Südachse" Wiens von der Stadtforschung breite Aufmerksamkeit geschenkt wurde, scheinen sich - von Wissenschaft, Politik und öffentlicher Wahrnehmung kaum berücksichtigt - im Wienerwald Entwicklungen abzuzeichnen, die auf eine "stille Suburbanisierung" schließen lassen. Insgesamt lassen die Tendenzen der Suburbanisierung darauf schließen, dass der Siedlungsdruck auf die derzeit noch überwiegend kleinen Gemeinden des Wienerwaldes erheblich zunehmen wird. Die Problematik für den Biosphärenpark resultiert aus der Diskrepanz zwischen den Ansprüchen einer nachhaltigen Modellregion, die aufgrund der zu erwartenden Prozesse gefährdet sind, sowie dem Fehlen effektiver Steuerungsmechanismen, etwa einem Mitspracherecht bei der Flächenwidmung, den absehbaren Entwicklungstrends entgegenzuwirken. Schon in der Vergangenheit wiesen etliche Gemeinden des Wienerwaldes - allerdings bei geringer Absolutzahl - beträchtliche Wanderungsbilanzen auf. Angesichts der geringen Arbeitsplatzdichte und der geringen Versorgungsinfrastruktur in dieser Region ist zu erwarten, dass mit steigender Bevölkerungszahl der Umfang der Tagespendler noch stärker als bisher zunehmen wird und zahlreiche Wienerwaldgemeinden zu Schlafstätten im Grünen mutieren. Verschärft wird dieser Umstand durch die Tatsache, dass die Pendlerverflechtungen der Wienerwaldgemeinden die geringsten Anteile des öffentlichen Verkehrs am Modal Split im Wiener Umland aufweisen.

Vor dem Hintergrund der suburbanen Entwicklungstendenzen steht der Biosphärenpark Wienerwald vor zwei zentralen Herausforderungen: Erstens das Potential der Region als wertvoller Natur- und Kulturraum durch eine nachhaltige Siedlungs- und Raumentwicklung zu bewahren. Zweitens, trotz Suburbanisierungsdruck dem Anspruch der Modellregion gerecht zu werden, "Good-Practice"-Konzepte aufzugreifen bzw. selbst zu entwickeln und erfolgreich umzusetzen.

Siedlungsstruktur als Schlüsselvariable
Der Siedlungsentwicklung kommt in diesem Zusammenhang - angesichts der sich abzeichnenden Suburbanisierungstendenzen - besondere Bedeutung zu; Ziel ist es, die potentielle zukünftige Siedlungsentwicklung mit Hilfe der Bestimmung der verfügbaren Baulandreserven abzuschätzen sowie bisherige Strategien der örtlichen Raumplanung hinsichtlich ihrer Wirksamkeit zu beurteilen. Anders formuliert: welche Maßnahmen, unter welchen Rahmenbedingungen ermöglichen es, eine nachhaltige Siedlungsentwicklung im Sinne der Wienerwalddeklaration1, d. h. kompakte Verbauung und mäßiges Bevölkerungswachstum, umzusetzen? Als Datengrundlage werden dabei die Bevölkerungsstatistiken der Volkszählungen von 1981 bis 2001, die Häuser- nd Wohnungszählungen, verschiedene kartographische Quellen und die regionalen Raumordnungsprogramme verwendet.

Der Biosphärenpark Wienerwald und seine Grenzziehung
Die Heterogenität des Biosphärenparks resultiert zum einem aus der Tatsache, dass sich dieser über zwei Bundesländer (Wien und Niederösterreich) erstreckt, wobei in 1 Gemeinsame Deklaration der Bundesländer Wien und Niederösterreich zum gemeinsamen Schutz des Wienerwaldes.
der Untersuchung, die explizit Suburbanisierungsprozesse untersucht, nur der niederösterreichische Anteil Berücksichtigung findet. Zum anderen erfolgte die Abgrenzung des Biosphärenparks zwar anhand naturräumlicher Kriterien, letztendlich bilden jedoch die administrativen Grenzen der Gemeinden (sog. "Wienerwaldgemeinden") die effektive Außengrenze des Schutzgebietes. Dies bedeutet, dass zahlreiche Grenzgemeinden des Biosphärenparks Wienerwald mit großen Teilen ihres Siedlungskörpers weit außerhalb des unter Schutz gestellten Naturraumes liegen. Daraus ergeben sich Konsequenzen für die Bewertung der Siedlungsentwicklung; es können kaum die gleichen Kriterien für "nachhaltige Entwicklung" in den Kern- und Randzonen des Schutzgebietes angewandt werden.

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