Hinweis: Das ZDF hat den Film im Oktober 2020 vorzeitig aus der Mediathek gelöscht. Nach meiner Erinnerung war eine Verfügbarkeit bis 10/2023 angekündigt.

Der Film war in vielen Punkten tendenziös. Es wurden Effekte von Infraschall gesucht und diese ohne Berücksichtigung von Schalldruck und Frequenz mit Infraschall von Windenergieanlagen in Zusammenhang gebracht. Das ist wissenschaftlich völliger Unsinn.

Es ist bedauerlich, dass das ZDF den Film einfach gelöscht hat, ohne Gründe anzugeben. Sollte (was ich hoffe) das ZDF zum Schluss gelangt sein, dass der Film nicht dem wissenschaftlichen Anspruch der Reihe planet e. entsprach, wäre es im Sinne der Transparenz besser, einen gut sichtbaren Hinweis anzubringen.

Der Film ist von unzähligen Anti-Windkraft-Seiten verlinkt. Diese Links landen jetzt auf einer allgemeinen "Diese Seite wurde leider nicht gefunden"-Seite. Im Internet ist der Film trotzdem noch zu finden. Durch die Löschung verliert das ZDF die Möglichkeit, getätigte Falschaussagen des Films sachlich zu korrigieren.

Dr. Stefan Holzheu, 22.10.2020

ZDF planet e. "Infraschall - Unerhörter Lärm" (2018)

Der Beitrag von planet e. "Infraschall - Unerhörter Lärm" wurde unter den Windkraftgegnern gefeiert. Ähnliche Berichte gab es beim Deutschlandfunk Kultur (Windkraft in der Kritik - Klimaheilmittel und Krankmacher) und beim MDR-Wissen (Windkraftanlagen Infraschall – der unhörbare Lärm, der krank macht?) .

Ich werde auf einzelne Punkte des ZDF-Beitrags weiter unten eingehen. Beginnen möchte ich aber mit einem Zitat, das in allen drei Berichten zu finden ist:

"Experten schätzen, dass zwischen zehn und dreißig Prozent der Bevölkerung Symptome durch Infraschall spüren können."

Warum ist dieser Satz so wichtig?

Mit diesem Satz begründen Windkraftgegner, warum es Menschen gibt, die in wenigen hundert Meter Abstand zu Windrädern wohnen und überhaupt kein Problem damit haben, während für andere bereits Windräder in 1-2km Entfernung unerträglich sind. Die ersten gehören einfach der unsensiblen Mehrheit an, wohingegen letztere zur sensiblen Minderheit zählen.

Aussage ohne Beleg

Das Problem an dieser Aussage ist: Es gibt keinen Beleg für diesen Satz. Auch in den Beiträgen der öffentlich rechtlichen Medien findet sich keine Quelle. Trotz längerer Recherche konnte ich keine wissenschaftliche Arbeit finden, die einen Beleg für diese Aussage liefert.

Die Formulierung "Experten schätzen" soll suggerieren, dass es sich um eine allgemein akzeptierte Aussage handelt. Dazu noch "zwei Zahlen - und fertig ist die wissenschaftliche Arbeit". Nach meiner Einschätzung wurde dieser Satz von Windkraftgegnern erfunden und über das Internet geteilt. Machen Sie eine Google-Suche mit diesem Satz: Die ersten Treffer sind die drei oben verlinkten Berichte. Danach kommen nur noch Windkraftgegnerseiten, die diesen Satz vielfach kopiert haben. Eine wissenschaftliche Arbeit ist nicht dabei.

Das Problem an solchen Aussagen ist, je häufiger wir den Satz lesen, desto eher sind wir geneigt, ihn zu glauben. Auch die Journalisten der öffentlich rechtlichen Medien sind nicht immun gegen falsche Informationen.

Betrachet man den Satz wissenschaftlich, ist er völlig aussagelos. Ich könnte auch formulieren: 100% der Bevölkerung können Symptome durch Infraschall spüren! Denn Infraschall ist nicht gleich Infraschall. Ganz entscheidend sind Frequenz und Schalldruck. Sind beide entsprechend hoch, werden alle Menschen den Infraschall wahrnehmen.

 

Stellungnahme zu einzelnen Punkten

Geister in den Kellern von Coventry

Der ZDF Beitrag beginnt mit Angstempfindungen in den Gewölbekellern von Coventry. Vic Tandy (University Coventry) berichtet von seiner Infraschall Entdeckung. Unerwähnt im ZDF-Bericht bleiben leider Amplitude und Frequenz des Schalls. Hier finden Sie die Original Publikaiton. Der Infraschall war mit 19Hz sehr nah an 20Hz, was oft als Ende des menschlichen Hörvermögens angegeben wird. Aber dieses Ende ist natürlich nicht so scharf. Menschen können auch tiefere Töne hören. Bei 19Hz liegt die Wahrnehmungsschwelle bei ca 70dB. Die Hauptemissionen von Windrädern sind bei 1-4Hz. Die Wahrnehmungsschwelle eines Tons mit 2,5Hz ist jedoch bei 120dB. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Ein ähnlicher Effekt wird großen Orgelpfeifen (Subkontra-C, 16Hz) zugeschrieben. Der Ton dieser sogenannten "Demutspfeifen" verursacht ein Grummeln im Bauch. Auch das "Das 17-Hz-Infraschallexperiment" (vgl. Wikipedia) nutzte Infraschall nahe des Hörbereichs in einer Schallstärke (90dB) deutlich oberhalb der Wahrnehmungsschwelle. 

All diese Ergebnisse zeigen, dass Menschen natürlich in der Lage sind, Infraschall wahrzunehmen. Entscheidend sind aber Schalldruck und Frequenz. Einen 17Hz/90dB Ton hören wir - einen 2Hz/90dB dagegen nicht! Für die Infraschalldiskussion um Windräder sind die "Geister in den Kellern von Coventry" nicht relevant.

Dr. Lars Ceranna (BGR)

Zu den Aussagen von Dr. Lars Ceranna gibt es eine eigene Diskussionsseite. Die Schalldrücke der BGR sind um 30dB zu hoch und basieren auf einem Rechenfehler (vgl. Warum die Schalldrücke der BGR falsch sind). Außerdem hat die BGR die Leistung des vermessenen Windrads fälschlicherweise mit 200kW angegeben. Tatsächlich war es ein Windrad mit 200kW und 660kW Generator (Vestas V47). Bei der hohen Drehzahl (26rpm) arbeitet der 660kW Generator.

Prof. Alec Salt (Washington University, School of Medicine)

Die Arbeitsgruppe beschäftgit sich mit dem Einfluss von Infraschall auf das Ohr. In den Experimenten werden sehr hohe Infraschalldrücke und höhere Frequenzen angewendet (z.B. 100 dB/30Hz in Effect of infrasound on cochlear damage from exposure to a 4 kHz octave band of noise). Prof. Alec Salt zählt offensichtlich zu den Windkraftkritikern (How Does Wind Turbine Noise Affect People). Es ist sicherlich angemessen, die Auswirkungen des von Windenergieanlagen erzeugten Infraschalls kritisch zu hinterfragen. Eine einseitige Fokusierung ist jedoch wenig wissenschaftich. Es wäre interessant die Meinung von Prof. Salt zum Einfluss von Infraschall von Trampolinen oder innerhalb eine PKWs auf das menschliche Ohr zu hören. Dort werden um Größenordnungen höhere Schalldrücke erzeugt (vgl. Garten Infraschall Lautsprecher und Infraschall im Auto).

Auch in der Publikation "Responses of the ear to low frequency sounds, infrasound and wind turbines (2010)" bezieht er sich direkt auf Infraschall von Windenergieanlagen. Da er selbst keine Messungen an Windenergieanlagen vorzuweisen hat, führt er Werte aus der Literatur auf. Die ausgewählten Schalldrücke außergewöhnlich hoch und z.T. falsch zitiert. Es liegt die Vermutung nahe, dass Prof. Salt die tatsächlichen Infraschalldrücke von Windenergieanlagen stark überschätzt und ähnlich wie Prof. Vahl (siehe unten) unzulässige Schlüsse zieht.

Ein wirklich überzeugender Nachweis, dass die von WKA ausgehenden Infraschalldrücke einen physiologischen Effekt machen, konnte ich in den Arbeiten von Prof. Salt nicht finden. Viele Arbeiten wirken sehr spekulativ und die Versuchsbedingungen sind nicht auf die Situation an Windenergieanlagen zu übertragen. Eine Selbsteinschätzung wie im Film, "dass die Forschungsergebnisse in der Wissenschaft unumstritten sind", ist kritisch zu hinterfragen.

Prof. Simone Kühn (UKE Hamburg)

Wieder fehlen im ZDF-Bericht Angaben zu Frequenz und Schalldrücken. Es gibt lediglich die Angabe, dass Schalldrücke Nahe der Hörschwelle eingesetzt wurden. In der Original-Publikation kann man nachlesen, dass die eingesetzte Frequenz 12Hz betrug und die angewendeten Schalldrücke zwischen 79 und 94dB lagen. Sowohl Schalldruck und Frequenz liegen damit deutlich oberhalb der Werte, die bei Windenergieanlagen relevant sind. Die Autoren selbst machen auch keine Aussage zur Relevanz der Forschung für Infraschall von Windenergieanlagen.

Auf Seiten der Windkraftgegner werden die Arbeiten der Arbeitsgruppe Simone Kühn oft zitiert. Leider werden die Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen und Angaben zu Schalldrücken und Frequenzen verschwiegen.

Prof. Dr. Ch.-F. Vahl (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Im ZDF-Bericht wird ausführlich auf die Ergebnisse der Arbeitgruppe Prof. Vahl eingegangen. In der Arbeitsgruppe wurden Experimente zum Einfluss von Infraschall auf isolierte Herz-Muskelzellen durchgeführt. Die Ergebnisse der Studie sind als Poster (ohne Peer-Review) veröffentlicht.

In der Studie werden die Infraschalldrücke mit 100-120dB angegeben. Der Schall wurde mit einem großen Basslautsprecher erzeugt. Die Probe befand sich in einem abgeschlossenen Raum darunter. Die angelegte Frequenz betrug 16Hz. Damit bewegt sich sowohl der Schalldruck als auch die Frequenz weit oberhalb der Werte von Windrädern (60dB in 200m/1-5Hz - Messkampagne Windrad Harsdorf 05/2020). Der Unterschied beträgt 40-60dB, was einem Schallleistungsunterschied von einem Faktor 10.000-1.000.000 entspricht. Wer aus Studie eine Gefährdung von Menschen durch den schwachen Infraschall von Windkraftanlagen ableitet, müsste eine PKW-Nutzung aus Gesundheitsgründen sofort verbieten (vgl. Infraschall im Auto).

In ihren Schlussfolgerungen schlagen die Autoren ein maximal tolerierbares Infraschalldauerniveau von 80dB vor. Dieser Wert bezieht sich nicht expliziet auf die Windkraft. Wahrscheinlich könnte die Windenergie mit diesem Grenzwert gut leben. Dies Schalldrücke werden von modernen Windkraftanlagen bereits im Abstand von wenigen hundert Metern deutlich unterschritten. Trotzdem halte ich einen Grenzwert ohne Frequenzangabe für völlig sinnlos. Allein der Wind sorgt schnell für ein Infraschallniveau von über 100dB in einem Frequenzbereich unter 1Hz.

Sven Johannsen (GuGZ)

Sven Johannsen ist der Inhaber der Firma GuGZ (https://umweltmessung.com). Die Firma bietet auch Messungen speziell für Privatpersonen anzubieten. Er berichtet von "abweichenden Messergebnissen". Die Wissenschaft lebt von Messungen! Doch die Wissenschaft lebt auch von Transparenz. Von Sven Johannsen ist nicht viel zu finden. Auch im ZDF Bericht wird keine Messkurve gezeigt. Die einzige Messung (abgerufen 25.03.2020), die ich online finden konnte, liegt bei EIKE ("Europäisches Institut für Klima und Energie"). Zur Einordnung der Wahrheitsliebe und Wissenschaftlichkeit von EIKE empfehle ich den Wikipedia-Artikel.

Auf den Messprotokollen sind Peaks von maximal 50dB zu sehen. Diese Peaks werden einem 10,9km entfernten Windpark zugeschrieben. Aus wissenschaftlicher Sicht ist dazu folgendes anzumerken.

1. Fehlende Abstands-Peakhöhen Auswertung

Zur Lokalisierung der Infraschallquelle sollte unbedingt an unterschiedlichen Messpunkten gemessen werden. Vergleichen Sie dazu "Infraschallsignale in Harsdorf". Infraschallsignale können aus unterschiedlichsten Quellen stammen.

2. Fehlende Abstimmung der Messergebnisse mit technischen Daten des Windparks

Herr Johannsen liefert keine Angaben, um welche Windenergieanlagen es sich handelt. Das wäre äußerst interessant, insbesondere die Frage, ob es sich um Anlagen mit variabler Drehzahl handelt. Die gezeigte Frequenzauflösung von 0,001Hz erfordert lange Messzeiten. Bei variabler Windraddrehzahl können unmöglich derart scharfe Peaks entstehen (vgl. Messkampagne Windrad Harsdorf 05/2020).

3. Unabhängige Bestätigung

Entscheidend für die Wissenschaftlichkeit ist, dass die Messergebnisse unabhängig bestätigt werden. Ein 50dB Signal in dieser Frequenz sollte sich auch problemlos mit meinem Messgerät messen lassen.

4. Gesundheitsgefährdung

Es existiert überhaupt keine Idee, wie ein Schalldruck von 50dB in dieser Frequenz physikalisch zu einer gesundheitlichen Schädigung führen könnte. Natürliche Druckschwankungen in dieser Frequenz übersteigen den  Schalldruck von 50dB um ein Vielfaches. Die BGR gibt 50dB als das natürliche Hintergrundrauschen ihrer Stationen im Frequenzbereich 1-3Hz an.

 

Fazit

Aus wissenschaftlicher Sicht halte ich die drei Berichte der öffentlich rechtlichen Sendeanstalten für "unglücklich". Beim Versuch, eine spannende Geschichte zu erzählen, wurde Windkraftgegnern viel Raum eingeräumt. Deren Aussagen wurden teilweise sehr unkritsch übernommen (siehe oben). Lediglich dem Deutschlandfunk Kultur schienen manche Aussagen dann doch zu weit zu gehen. Im Text gibt es eine Anmerkung der Redaktion: Darin wird klargestellt, dass einige Aussagen von Sven Johannsen (GuGZ) zu den Messungen des LUBW nicht der Wahrheit entsprechen:

Bei den von der LUBW beauftragten und begleiteten Messungen wurde weder „trickreich“ verfahren, noch wurden Vorgaben zu den Windstärken gemacht. Anmerkung der Redaktion: Die Durchführung der Messungen entsprach den geltenden Regelwerken.

Im Grunde zeigen die Berichte: Effekte von Infraschall treten dann auf, wenn die Schalldrücke knapp unterhalb oder über der Hörschwelle liegen. Die vom UBA und LUBW angesetzte Wahrnehmungschwelle liegt noch 3dB tiefer als die Hörschwelle. Diese Schalldrücke werden jedoch von Windenergieanlagen nicht erreicht. Betrachtet man die Berichte also kritisch, bleibt nichts Substanzielles übrig, aus dem sich eine ursächliche Schädigung des Menschens durch Infraschallsignale von Windenergieanlagen ableiten ließe.

 

 

 

 

Diese Webseite verwendet Cookies. weitere Informationen